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Deutschland und der KI-Rückstand: warum wir uns arm regulieren

Die meisten Männer in meinem Alter haben das Rentner-T-Shirt längst an und sitzen am See. Angeln, Garten, der wohlverdiente Feierabend vom ganzen Leben. Ich gönne es jedem. Ich habe mit über 60 stattdessen noch einmal eine Firma gegründet, mitten in der Künstlichen Intelligenz, obwohl ich es finanziell nicht müsste.


Geteiltes Bild: links ein älterer Mann, aktiv in einer modernen Hightech-Stadt, rechts ein gleichaltriger Mann, der allein an einem grauen See angelt. Sinnbild für Deutschlands KI-Rückstand gegenüber China.

Warum tut man sich das an? Weil ich nicht zusehen kann, wie ein ganzes Land an einer Sache vorbeiläuft, die gerade die Welt umbaut. In meinem Umfeld beschäftigt sich kaum jemand ernsthaft mit KI. Mir ist klar geworden, dass das kein Zufall ist, sondern eine Haltung. Es ist dieselbe Haltung, die uns als Land gerade den Wohlstand kostet. Genau da beginnt Deutschlands KI-Rückstand. In den Köpfen.


Hier sitzt der eigentliche Unterschied


Ich habe in den letzten Wochen viel über China gelesen und lange Gespräche mit Leuten geführt, die das Land von innen kennen. Mich interessieren dabei nicht die Wirtschaftszahlen, sondern der Kopf dahinter.


Ein Beispiel. Chinesische Hersteller bauen Autos, die sich auf der Stelle um die eigene Achse drehen, um aus einer zu engen Parklücke zu kommen. Sie bauen einen Sportwagen, der über Schlaglöcher und Hindernisse springt, während er völlig allein fährt, ohne Fahrer am Steuer. Manche dieser Wagen waten sogar durch flaches Wasser. Stell dir vor, bei Mercedes käme jemand auf die Idee, das Auto solle in die Parklücke hüpfen. Der hätte noch am selben Nachmittag einen Termin beim Psychiater. In China baut man es einfach.


Das wirkt wie eine Spielerei. Dahinter steckt aber eine ganze Haltung, eine fast kindliche Neugier auf Technik. Etwas Neues wird dort nicht erst zerredet, es wird ausprobiert. Man arbeitet nach einem Prinzip, das ungefähr „passt schon zu achtzig Prozent" heißt, und schickt das Produkt auf den Markt, statt es bis zur letzten Schraube perfekt zu planen.


Und es bleibt nicht bei Spielereien. Während wir unsere Gesundheitskosten seit Jahren nicht mehr in den Griff bekommen, lässt China in der Medizin die KI ran. Bei einem öffentlich ausgetragenen Vergleich in Shanghai im November 2025 sind erfahrene Ärzte gegen zwei KI-Systeme angetreten. Die Ärzte brauchten für ihre Diagnose rund dreizehn Minuten, die KI war in unter zwei Sekunden fertig und kam zum selben Ergebnis. Ein anderes chinesisches System für seltene Krankheiten trifft die richtige Diagnose inzwischen häufiger auf Anhieb als die Ärzte, gegen die es getestet wurde.


China löst seine Probleme mit Technik. Beim Pflegenotstand baut man Altersheime, in denen Roboter die schwere Routine übernehmen, damit die Pfleger mehr Zeit für die Menschen haben. Bei uns beklagt man den Pflegenotstand seit zwanzig Jahren in Talkshows. Genau dieser Drang zum Machen hat in den letzten Jahrzehnten hunderte Millionen Chinesen aus der Armut geholt.


Wir dagegen optimieren den Feierabend


Wir führen unterdessen die Grundsatzdebatte über die Vier-Tage-Woche und das Recht, nach Feierabend nicht mehr erreichbar zu sein. Versteht mich nicht falsch, ich bin der Letzte, der Menschen kaputtarbeiten lassen will. Aber ich beobachte ein Land, das seine größte Energie darauf verwendet, weniger zu arbeiten und sich besser abzusichern, während andere mit Vollgas bauen. Ich bin überzeugt, dass Wohlstand vom Machen kommt und nicht vom Absichern. An dieser Stelle denke ich offenbar ganz anders als die Mehrheit.


Dazu kommt die Regulierung. Europa wollte unbedingt Weltmeister werden, nur eben nicht in der Technik, sondern im Aufstellen von Regeln. Herausgekommen ist der AI Act, das schärfste KI-Gesetz der Welt, beschlossen, bevor die Technologie hier überhaupt Fuß fassen konnte. Das Beste daran kam danach. Kaum war das Gesetz beschlossen, hat dieselbe EU im November 2025 begonnen, es wieder aufzuweichen und die strengen Teile auf Ende 2027 zu verschieben. Der Grund: Die eigene Industrie hatte gewarnt, dass der Standort unter dem eigenen Gesetz erstickt.

Erst bauen wir den Käfig, dann feilen wir heimlich an den Gitterstäben, bevor die Tür überhaupt zugefallen ist. So sieht Politik aus, wenn die Bedenkenträger den Ton angeben.

Ich kenne diese Räume aus über dreißig Jahren als Unternehmer. Am Tisch sitzen zuerst der Datenschutz, dann die Rechtsabteilung, dann jemand für Compliance, und erst ganz am Ende darf der reden, der die Idee hatte. Ein Land, das jede Idee zuerst seinen Anwälten vorlegt, wird über kurz oder lang von einem Land überholt, das sie zuerst seinen Ingenieuren gibt. Wie dieses Land eine gute Idee an seinen eigenen Strukturen zerschellen lässt, habe ich selbst erlebt, als ich den 3D-Druck in die Schulen bringen wollte.


China ist trotzdem kein Paradies


Damit kein falscher Eindruck entsteht. Ich will nicht nach China auswandern. Das Land ist ein Schnellkochtopf, über hundert Automarken kämpfen dort in einem ruinösen Preiskampf ums Überleben. Aber selbst dieser brutale Druck erzeugt Bewegung und Fortschritt. Bei uns erzeugt der gleiche Druck noch eine Arbeitsgruppe.


Das Werkzeug liegt bereit, kaum jemand hebt es auf


Das Schlimme ist, dass sich dieselbe abwartende Haltung bis an den einzelnen Schreibtisch zieht. Die meisten Menschen, die KI überhaupt anfassen, nutzen sie, um Urlaubsfotos oder sich selber aufzuhübschen oder dem Computer belanglose Fragen zu stellen. Dass KI ein Verstärker ist, der Klarheit lauter macht und die Verwirrung gleich mit, habe ich an anderer Stelle schon ausführlich beschrieben. Das Werkzeug liegt für jeden bereit. Die wenigsten heben es auf.


Es gibt einen Teil, der nicht verloren ist


Für alle, die es genau wissen wollen, noch eine kurze Einordnung, wie groß der Abstand inzwischen ist. China erzeugt rund doppelt so viel Strom wie die USA und schießt seit 2025 Satelliten ins All, die Rechenleistung direkt im Orbit liefern sollen. Strom und Rechenleistung sind das Fundament jeder KI. An dieser Stelle ist der Vorsprung kaum noch aufzuholen, und ich mache mir da nichts vor.


Es gibt aber einen Teil, der nicht verloren ist, und der liegt weder in Brüssel noch in Peking, sondern bei dir. Niemand hindert dich daran, dir das Werkzeug zu holen, das längst auf dem Tisch liegt. Während das Land wartet, musst du nicht warten. Ich baue gerade an einem Chancen-Radar, der dir zeigen soll, wo KI in deinem Alltag konkret etwas bringt. Mehr dazu, sobald es so weit ist.


Fazit


Ich habe mit über 60 noch einmal angefangen, weil ich überzeugt bin, dass Wohlstand vom Machen kommt und nicht vom Ausruhen. Das Land hat sich anders entschieden. Es will lieber der beste Regulierer der Welt sein als der beste Macher, und es übt das Stillsitzen, während andere rennen.

Diese Entscheidung kann ich dem Land nicht abnehmen. Deine eigene kannst du heute treffen. Du musst dafür nicht mit 60 eine Firma gründen wie ich. Du musst nur aufhören abzuwinken.


Du hast Fragen, Gedanken oder willst mir widersprechen? Schreib mir direkt: hey@jensburghold.de – ich antworte persönlich.


Jens Burghold – Digitalisierungsberater, Seriengründer und Unternehmer mit über 30 Jahren Erfahrung in der Entwicklung und Umsetzung digitaler Geschäftsmodelle.

 
 
Jens Burghold

Danke fürs Vorbeischauen!

Ich habe eine Leidenschaft für digitale Ideen, Veränderung und neue Möglichkeiten. Ich schreibe in meinem Blog über persönliche Erfahrungen, Projekte und Niederlagen. Ich freue mich über konstruktiven Zweifel und zerstörte Denkschablonen.

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