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Ich wollte 3D-Druck in die Schulen bringen und bekam eine Plastikvasen-Manufaktur in Thüringen

Warum ein gutes Thema für die Zukunft unserer Kinder nicht zu Ende gebracht wurde.


Bereits 2014 begeisterte ich mich für die Möglichkeiten und Chancen im 3D-Druck. Abgesehen von ein paar Playern dümpelte Deutschland damals in der 3D-Druck Kreisliga herum. Obwohl die ersten 3D-Drucker bereits in den 80er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts gebaut wurden, galt man noch als Sonderling.


Ich merkte rasch, es gibt keine Basis, keinen Nachwuchs. Nur Bastler. Das Fundament fehlte. Ich wollte an die Jugend ran und ein Schulpaket stricken.


Mit Janos Burghardt vom YAEZ Verlag fand ich einen guten Partner. Wir brachten noch im selben Jahr ein 3D-Druck Schulbuch auf den Markt. Leseprobe Es war ein einmaliges und gutes Projekt für die Zukunft und für die Bildung unserer Kinder.


Eine der wichtigsten Zukunftsfragen. Benötigen Schulen 3D-Druck?


Eindeutig ja! Mit 3D-Druck vermitteln wir die grundlegenden Kenntnisse für den Arbeitsmarkt des 21. Jahrhunderts. Der 3D-Druck ist eine Querschnittskompetenz. Wir erleben ein anderes Denken und räumliche Vorstellungen entwickeln sich. Wir werden kreativer und lösen Probleme anders und besser. Unser Nachwuchs wird in Richtung additiven Denkens weiterentwickelt. Die Kreativität der Kinder erstaunte mich immer wieder, da hatte ich, der ältere Ingenieur, oft das Nachsehen.


Zur Weiterentwicklung dieses Themas, zur Entwicklung von neuen Einsatzgebieten im 3D Druck, gründete ich im Jahr 2015 die Fabstone GmbH. Und fand hierfür keine passenden Mitarbeiter mit Wissen in der additiven Fertigung.


Ich musste notgedrungen auf Quereinsteiger aus dem Freundeskreis zurückgreifen. Der 3D-Drucker im Einstiegsbereich ist ein sehr einfaches Gerät. Die Bedienung lernt jede Hausfrau in kürzester Zeit. Freie Daten für den Druck gibt es genügend im Netz. Und schon kannst du farbige Plastikwürste in die gewünschte Form bringen. Und weiter?


Wir benötigten Mitarbeiter, die Produkte anders denken, die die Kultur für Innovation und Disruption schaffen. 3D-Denken ist angesagt! Wir bekommen mit dieser Technologie die völlige Designfreiheit, neue Möglichkeiten und Funktionalitäten. Du kannst plötzlich um die Ecke bohren. Aber du findest keine Leute, die um die Ecke denken können.


Eine Firma voller Kitsch


Unsere Mitarbeiter druckten Plastik Vasen in allen Formen, Größen und Farben, Firmenlogos und lustige Halloween Kürbis-Köpfe. Jeden Tag. Hier zeigten sich deutlich die Defizite in der fehlenden Ausbildung und der visionären Kraft. Ich kaufte einen größeren Drucker. Sie druckten größere Vasen und noch größere Kürbisköpfe. Ich war verzweifelt.





Auf den Messen dann die ratlosen Gesichter der Besucher. Benötigen wir das wirklich? Diesen Plastik-Quatsch? Diesen Müll? Nur die Omas waren schlichtweg begeistert. Die Politiker auch. Das viele Schulterklopfen habe ich oft nicht verstanden. Konnte man wirklich mit so wenig Ergebnis, so viel Eindruck schinden? Offensichtlich ja.


Wie soll Zukunft gehen, wenn wir nicht weiter denken? Das deutsche Denken hört vielfach bei Hardware und Material auf. Das spürt man heute noch auf den entsprechenden Netzwerkveranstaltungen.


Der Umstieg auf die additive Fertigung im Unternehmen ist meistens mit einer gravierenden Umstellung des internen Produktionsablaufs verbunden. Wenn hier bereits das Wissen fehlt, zerrt sich die Lernkurve ewig in die Länge.


Wenn dann in Zukunft der Druckprozess noch personalisiert werden kann, fehlt das Fachwissen an allen Ecken und Enden. Ein guter Ingenieur mit einer guten 3D-Denke wird während des Druckprozesses an den sekundären Parametern noch Anpassungen vornehmen können, die Zeiten verkürzen sich, die Kosten sinken.


Die Menschen müssen ihre Kreativität anzapfen und herauslassen. Sie müssen darüber nachdenken, was wir Neues entwickeln können, und nicht nur darüber, wie wir Maschinen zum Laufen bringen oder die Plastikvase bis zur Perfektion optimieren.


Wenn im darauffolgenden 4D-Druck noch der Faktor Zeit, Temperatur, Druck und Aggregatzustand Einfluss nehmen kann, hat das deutsche Bediener-Gehirn ausgedient. Erste Demonstrationen haben mich schwer beeindruckt. Wir werden sich selbstreparierende Rohre, oder auch sich selbstständig anpassende Prothesen sehen.


Es benötigt Pioniergeist, gepaart mit Entdeckungsfreude und den Mut, etwas zu riskieren. Wir müssen innovativ denken und handeln, nicht immer nur erklären, warum etwas nicht geht. Dieses Korn muss frühzeitig gesät werden. Die alternde Berater-Schar im Feld wird beim Netzwerkfrühstück nur den Hardwaretausch proklamieren. Das kann ich auch auf Facebook lernen.


Mit einer 3D-Druck Ausbildung in der Schule kommen wir mit besseren Ergebnissen schneller zum Ziel. Im Weltmaßstab hängen wir hinten dran und die Gewöhnung an die hinteren Plätze kann nicht unser Plan sein.


Deshalb wollten wir etwas tun. Für Deutschland, den 3D Druck und die Bildung.


Es reifte der Gedanke an eine 3D-Druck Bildungsplattform. Drei wichtige Punkte in einer Vision. 3D Druck + Bildung + digitale Plattform. 2016 hatte das Plattform-Thema einen großen Höhenflug, der Thüringer Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee fand das Thema super und unterstützte unser Projekt.


Mit der Neuen Technologie GmbH aus Sömmerda fanden wir einen Plattform-Entwicklungspartner. Die Andreas Gordon Schule, eine der innovativsten Schulen, die ich kenne, übersetzte unsere Inhalte in einen modernen Lehrstoff. Wir lieferten die Inhalte, das Wissen, die Hardware, das Netzwerk, das Marketing.


Anfang 2018 hatten wir unsere TRYDO - 3D Druck Bildungsplattform! Das Projekt hatte fast schon karitative Züge. Ziel war nicht der große Erlös, wir wollten einfach unseren Beitrag leisten!





Welche Rolle spielen Politik und Institutionen zur Förderung neuer Technologien in der Bildung?


Als B2B Mann lernte ich jetzt die Tücken des B2S (School) Geschäftes und die politischen Unwägbarkeiten kennen.


Ich überschätzte den Veränderungswillen in der Politik. Verlasse dich niemals auf ein Geschäftsmodell, wo politische Unterstützung notwendig ist!


Viele Monate versuchten wir, das Thema dem Bildungsministerium nahezubringen. Absage. Wir haben mit Politikern, Bürgermeistern, Vertretern der Institutionen und Kammern geredet.


Wir gerieten mitten in den Thüringer Wahlkampf, wir hatten ein konkretes Thema zur Zukunft unserer Bildung. Keiner sprang auf. Lieber fabulieren Politiker weiter unkonkret über die Bildung im bekannten Powerpoint Modus oder beschäftigen sich mit sich selbst.


Die Institutionen spiegeln die Trägheit des Landes wider. Getreu dem Motto „Wer auf dem falschen Weg ist, kann sich Zeit lassen. Er kommt ohnehin nicht an.“

Das Ministerium für Wirtschaft unterstützte uns in der Projektphase, die notwendige Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium gab es nicht. Das Thüringer Kompetenzzentrum Wirtschaft 4.0 gab uns leider nicht die notwendige Netzwerkunterstützung für unseren Basis-Content, obwohl dort extra eine Referentenstelle zum Thema 3D-Druck in der Bildung geschaffen wurde. Seither ist das Thema dort kaum noch existent.


Das passte alles nicht zusammen. Dieser Umgang mit Initiativen von Unternehmern in Thüringen war für mich nicht nachvollziehbar.


In der Bildung erleben wir immer mehr einen rasenden Stillstand. Alle reden darüber und keiner macht mit.


Der Lehrermangel ist nicht das Problem, unser Bildungssystem steckt im 19. Jahrhundert fest und verspielt gerade die Zukunft von Deutschland. Wenn die neuen Rohstoffe der Zukunft Daten und Bildung sind, spielt das Deutschland prinzipiell in die Hände.


Statt diese Chancen zu nutzen, versagt ein Land, seine Politik, seine Institutionen auf ganzer Linie. Wir halten am Alten fest, an alter Bildung, an alter Technologie, an alten Werten.


Es fehlt an Fächern, in denen unsere Kinder schöpferisches Denken lernen, mit der Förderung und Anwendung neuer kreativer Möglichkeiten. Schüler lernen zu denken, indem man sie Probleme lösen lässt. Stattdessen lernen sie auswendig, was Google in 0,36 Sekunden ausspuckt.

Wir müssen Neues wagen, um vorwärts zukommen. Bequemlichkeit ablegen, Ängste abbauen und uns dem Unbekannten öffnen. Früher konnte Deutschland das. Gutenberg erfand den Buchdruck, obwohl es 1450 noch keinen Buchhandel gab und 83 Prozent der Menschen nicht lesen konnten.


Der technologische Fortschritt verändert unsere Gesellschaft drastisch. Wenn wir hieraus eine lebenswerte Zukunft entwickeln wollen, benötigen wir neue Narrative, Ideen, grundlegende Debatten, wir müssen uns bewegen.


Hat der 3D-Druck das Potenzial, die Automobilindustrie zu revolutionieren? Kann Thüringen hier profitieren?


Mit Sicherheit! 3D-Drucker haben das disruptive Potenzial für die Fertigungsindustrie, welches Ihnen seit den ersten Prototypen zugestanden wird.


Wir stehen dank additiver Fertigung am Anfang einer bahnbrechenden Ära in der Produktion. Gesunkene Kosten, verbunden mit neuen Material-Innovationen, Hochleistungspolymeren oder neuen Verbundwerkstoffen, stehen für verbesserte Produkte bereit.


Traditionelle Bauteile werden durch leichtere Versionen ersetzt und ungewöhnliche Geometrien realisiert. Lieferketten-Probleme können minimiert werden.


Das Fraunhofer IFAM Dresden demonstrierte schon vor einiger Zeit eindrucksvoll den Druck einer komplett additiv gefertigten funktionierenden Gasturbine zur Stromerzeugung. Aus 3000 Teilen wurden am Ende 68 Teile. Das ist erst der Anfang einer spannenden Entwicklung.


Im Karosseriebau setzt diese Technologie an Stellen an, wo Konstruktion, Design und Fertigung zur Lösungsfindung neu durchdacht werden müssen.


„Neu denken“ ist angesagt und der wesentliche Bestandteil dieser neuen Entwicklung. Wir erleben umfangreiche Funktion-Integrationen, Federn, Scharniergelenke und Dichtungen werden gleich eingedruckt.


Das größte Risiko für angestammte Zulieferer-Unternehmen besteht in der Möglichkeit, Hardware einfach per E-Mail zu versenden. Wir erleben eine Verschmelzung des Internets mit der Welt der industriellen Revolution.


Digitale Unternehmen greifen ungeniert nach unserer Produktion.


Hier hinkt das deutsche System und die deutsche Beruhigungspille Industrie 4.0 weit hinter dem digital Machbaren hinterher. Wir optimieren an Fabriken herum, die es so in Zukunft nicht mehr geben wird.


Anfang 2019 traf ich im Rahmen unseres Simply fab Projektes auf ein Disruption-Sprint-Team. Dieses Team, zusammengesetzt aus Querdenkern, Regelbrechern und Prozess-Hackern aus den innovativen Hochburgen dieser Welt, hat mich sehr nachdenklich gemacht.


Diese Teams zerstören vorhandene Wertschöpfungsketten, hier ging es um die Autozulieferindustrie. Diese werden auseinandergenommen, verkürzt und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Bauteile müssen nicht mehr zentral gefertigt und global verteilt werden, es wird Absatzmarkt nah gefertigt.


Die Autofabrik der Zukunft besteht nur noch aus einer Plattform, an der sich die Produktionsanbieter flexibel nach Bedarf andocken. Diese werden immer öfter aus dem additiven Bereich kommen, wenn auch nicht alles additiv produziert werden kann. Die heutigen Zulieferstrukturen existieren nicht mehr.


Innovation beginnt oft mit einem anderen Blick auf die Welt


Gerne hätte ich das Disruption-Sprint-Team mit Industrie 4.0 in Thüringen zusammengebracht. Leider wollte man uns dort nicht sehen. Dieses Scheuklappen-Denken ist eine gefährliche Falle, in der modernen, dynamischen Welt ist es nahezu existenziell, neugierig zu sein. In spätestens zehn Jahren werden wir uns fragen, warum wir in diesen Plattform-Markt nicht führend eingestiegen sind.


Industrie 4.0 benötigt einen viel innovativeren Ansatz, um Deutschland erfolgreich zu machen.


Fazit. Ich bin jetzt aus dem Projekt „3D Druck in der Bildung“ ausgestiegen. Die vergangenen vier Jahre sind Welten in der digitalen Welt. Wir haben unser Bestes gegeben und haben viel geleistet. Doch dem Land fehlt eine Vision für unsere Zukunft. Wir stolpern schlaftrunken in das neue Zeitalter.


Auch wenn es sich jetzt komisch anhört: Das Land verfügt noch immer über beste Voraussetzungen, um die technologische Zeitenwende zu schaffen.


Uns muss es gelingen, den Ehrgeiz und die Eigeninitiative der jungen Menschen zu wecken, die Blockierer und Überforderten in Politik und Institutionen hinter uns zu lassen.

Das digitale Zeitalter gibt uns hier tausende neue Möglichkeiten. Hier werde ich mich weiter engagieren.


Folgende Ratschläge, gelernt in diesem Projekt, kann ich jungen Gründern mitgeben:


Gründen mit Freunden will gut überlegt sein. Prüft das sehr sorgfältig! Du benötigst Leute mit den gleichen Absichten und Zielen. Nicht, weil ihr jemandem helfen wollt oder ihr Sympathien füreinander habt, das kann, das muss nicht funktionieren. Du musst permanent Rücksicht nehmen, Privates mischt sich mit Geschäftlichen, sinnlose Zugeständnisse sind an der Tagesordnung. Ich würde das nie mehr tun.


Sucht euch die richtigen Netzwerke. Ich mag keine regionalen Netzwerkveranstaltungen. Ständig die gleichen Leute, zu den gleichen Themen, mit den gleichen Problemen. Deswegen findet man mich nie beim Netzwerken. Ich habe einfach keine Zeit dafür. Dafür kennt mich vor Ort aber auch kaum jemand. Das digitale Vernetzen halte ich für sinnvoller, hier findet ihr die richtigen Partner mit den richtigen Interessen, gut gefiltert. Die besten und auch coolsten Kontakte weltweit finde ich immer noch über LinkedIn.


Ich hatte für unser Projekt einen guten Netzwerker. Der konnte den ganzen Tag auf Netzwerkveranstaltungen abhängen, Small Talk machen, kannte Hinz und Kunz. Für unser Projekt hat er nichts gebracht.


Macht nichts, wofür ihr den Staat benötigt. Gute Innovation braucht keine Fördergelder. Da gibt es andere Möglichkeiten. Schafft keine Lösungen für den Staat. Für unsere Plattform benötigten wir den Einstieg in die Bildungsministerien. Kleine Unternehmen oder gar Start-ups werden nicht gehört. Ohne Telekom oder SAP Logo auf der Jacke wird es schwierig.


Das Schulministerium hat uns nicht verstanden. Unsere Lösung kam sehr gut an, die Antwort war völlig am Thema vorbei. „Sie können unsere 3D-Druck Bildungsplattform nicht nutzen, weil sie in die Hasso-Plattner-Schul-Cloud gehen.“ Das ist so ähnlich, wie wenn ein Garten- und Landschaftsbauer seinen Multicar abbestellt, weil er ein Monatsticket für den öffentlichen Nahverkehr hat.


Für mich ist dieses Ende nicht weiter dramatisch. Ich habe viel gelernt und es gibt noch viel zu tun. Es tut mir leid um das Engagement der beteiligten Lehrer. Thüringen hatte die Chance, mit einem Zukunftsthema in der Bildung deutschlandweit an erster Stelle zu stehen. Wir hatten die Chance, unseren Kindern einen guten Baustein für die Zukunft mitzugeben. Wir haben unsere Chancen nicht genutzt.


„Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu erfinden.“ Alan Kay – Xerox Informatiker in seinem wohl berühmtesten PARC-Zitat

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