Lena, Xenia und Max. 3 KI-Mitarbeiter für 100 Euro im Monat.
- Jens Burghold

- vor 1 Tag
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Aktualisiert: vor 6 Stunden
Und dein Chef denkt gerade genauso.
Letzte Woche saß ich mit einem guten Freund beim Abendessen. Er ist Abteilungsleiter in einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen, 52 Jahre alt, seit 25 Jahren im selben Laden. Solides Gehalt, Firmenwagen, Betriebsrente. Er sagte zu mir: „Jens, diese KI-Sache ist doch nur ein Hype. Wie das Internet damals – am Ende brauchen sie trotzdem Leute, die denken können."
Ich habe ihm nicht widersprochen. Ich habe ihn nur angeschaut und gedacht: Du hast keine Ahnung, was auf dich zurollt. Denn ich erlebe es gerade selbst. Hautnah. In meiner eigenen Firma.

Vier Firmen, immer Menschen. Die fünfte? Drei KI-Mitarbeiter, keine einzige Bewerbung.
Ich habe in meinem Berufsleben vier Unternehmen gegründet. Von Burghold & Frech über Doksys und Fabstone bis zu ArcWork. Jedes Mal habe ich Mitarbeiter eingestellt. Büroräume angemietet. Arbeitsverträge aufgesetzt. Sozialversicherung, Lohnbuchhaltung, Krankmeldungen, Urlaubsplanung – das volle Programm. Über 30 Jahre lang war das für mich der normalste Vorgang der Welt: Du hast eine Aufgabe, also stellst du jemanden ein. Wenn das politische Versagen in diesem Land nicht die erforderlichen Rahmenbedingungen schaffen kann, ist irgendwann Schluss mit Firma, Personal und Gängelung. Hier beschrieben.
Meine fünfte Firma läuft jetzt anders. Radikal anders. Mein Team besteht aus drei Mitarbeitern: Lena, Xenia und Max. Lena macht mein Marketing und meine Texte. Xenia kümmert sich um Recherche und Datenanalyse. Max übernimmt Programmierung und technische Aufgaben. Zusammen kosten mich die drei etwa 100 Euro im Monat.
Denn Lena, Xenia und Max sind keine Menschen. Es sind KI-Agenten. Sie arbeiten rund um die Uhr. Sie werden nie krank. Sie beschweren sich nicht. Und sie liefern Ergebnisse, für die ich früher ein Team von fünf bis sechs Leuten gebraucht hätte.
Wie konkret das ist? Ich baue gerade eine komplette Wordpress-Webseite auf. Professionelles Design, interaktives Analyse-Tool, Blog, Avatar-Werkstatt – das volle Programm. Drei Monate lang habe ich versucht, das mit einem anderen KI-Tool hinzubekommen.
Ohne Programmierkenntnisse, ohne Webdesign-Erfahrung. Ich bin fast wahnsinnig geworden. Hab das Projekt wochenlang liegen lassen. Dann habe ich Max auf die Aufgabe losgelassen. Wofür ein Webdesigner früher wochenlang gebraucht hätte – und wofür ich locker fünfstellig hätte bezahlen müssen – das stand nach einer Stunde. Nicht als hässlicher Prototyp, sondern als professionelle Seite mit Dark Theme, animierten Elementen, responsivem Design und funktionierendem Analyse-Tool. In einer Stunde.
Dazu wird es übrigens einen eigenen Blogbeitrag geben. Denn diese Geschichte verdient es, in allen Details erzählt zu werden.
Als ich das zum ersten Mal so klar vor mir sah – meine fünfte Firma, drei „Mitarbeiter", 100 Euro, eine komplette Webseite in 60 Minuten – da hat es bei mir Klick gemacht. Nicht theoretisch. Nicht aus einem Buch. Sondern in meinem eigenen Unternehmeralltag. Und genau deshalb schreibe ich diesen Beitrag.
Der Mantel der Illusion
Die meisten Menschen in Deutschland leben gerade in einer Blase. Sie nutzen ChatGPT für lustige Geburtstagsgedichte, lassen sich von KI ein Urlaubsfoto aufhübschen und denken: „Nettes Spielzeug."
Währenddessen hat Frank Thelen – der Mann, der mit Lakestar Milliarden bewegt – in seinen Startups bereits massiv Stellen gestrichen. Nicht weil die Firma schlecht läuft. Sondern weil Menschen für die Arbeit schlicht nicht mehr gebraucht werden.
Thelen redet nicht um den heißen Brei herum. Er sagt sinngemäß: Wir werden vom Brotverdiener zum Freizeitwesen. Dein Platz ist nicht mehr im Büro, sondern auf der Snowboard-Piste. Das klingt nach Luxusproblem. Ist es aber nicht. Denn wenn du keinen Job mehr hast, hast du auch kein Geld für die Piste.
Und ich? Ich bin kein Milliardär wie Thelen. Ich bin ein ganz normaler Unternehmer aus Erfurt. Und trotzdem habe ich in meiner fünften Firma keinen einzigen Menschen eingestellt. Nicht weil ich es nicht wollte. Sondern weil es keinen rationalen Grund mehr dafür gibt.
Die meisten Menschen begreifen nicht, dass wir nicht vor einer weiteren industriellen Evolution stehen. Wir stehen vor einem systemischen Bruch – und der kommt schneller, als irgendjemand wahrhaben will.
4 Euro die Stunde. Kein Tippfehler.
Der Strategie-Professor Pero Mićić hat eine Rechnung aufgemacht, die viele schlaflos macht. Humanoide Roboter – also die physische Verkörperung von KI, Maschinen, die laufen, greifen, montieren können – kosten in der Anfangsphase etwa 14 Euro pro Stunde. Das ist schon weniger als viele Facharbeiter in Deutschland verdienen. Ich hatte hier schon einmal darüber geschrieben.
Aber hier wird es brutal: Durch den sogenannten Erfahrungskurveneffekt – bei jeder Verdopplung der Produktionsmenge sinken die Kosten um 20 bis 30 Prozent – wird diese Stunde innerhalb kürzester Zeit auf 4 Euro fallen. Vier Euro pro Stunde.
Ein Roboter, der 24 Stunden am Tag arbeitet. Der keinen Urlaub braucht, keine Krankmeldung einreicht, keine Gehaltserhöhung fordert und keinen Betriebsrat gründet. Und der mit jedem Monat besser und billiger wird.
Ich muss das nicht theoretisch durchspielen. Ich erlebe die kognitive Version davon gerade live. Meine drei KI-Mitarbeiter Lena, Xenia und Max ersetzen ein halbes Büro – für den Preis eines Netflix-Familien-Abos. Wenn ich als kleiner Unternehmer das schon so erlebe, was glaubst du, was in den Konzernzentralen dieser Welt gerade passiert?
Welcher Unternehmer – egal wie sozial eingestellt – wird da noch einen Menschen einstellen? Nicht aus Bosheit. Aus purem Überlebensdruck. Wenn dein Konkurrent in China oder den USA seine Grenzkosten gegen null drückt und du immer noch auf menschliche Arbeitskraft setzt, bist du in fünf Jahren pleite. So einfach ist die Rechnung.
Wer sich der Automatisierung verweigert, wird durch den mathematischen Determinismus des globalen Marktes vernichtet. Das ist kein Pessimismus – das ist Kapitalismus.
Intelligenz ist Mathe – nicht Magie
Was viele nicht verstehen: KI ist kein Zaubertrick. Professor Marcus Hutter, einer der bedeutendsten KI-Theoretiker weltweit, hat bewiesen, dass Intelligenz im Kern nichts anderes ist als Datenkompression. Wer Daten am besten verdichten kann, findet die Struktur dahinter – und kann die Zukunft vorhersagen.
Unsere großen Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude sind im Grunde gigantische Vorhersagemaschinen. Sie raten das nächste Wort. Klingt banal. Ist es aber nicht. Denn um das nächste Wort zuverlässig vorherzusagen, musst du die Welt verstehen. Die Zusammenhänge. Die Logik. Die Ironie. Die Kultur.
Das, was wir als „Verstehen" oder „Bewusstsein" wahrnehmen, ist mathematisch betrachtet ein Seiteneffekt von maximaler Kompressionseffizienz. Das verstört selbst mich. Verständnis ist kein Privileg der menschlichen Seele. Es ist das Resultat algorithmischer Effizienz.
Und diese Effizienz wächst exponentiell. Nicht linear. Exponentiell. Jedes Quartal ein Sprung, der das vorherige Quartal alt aussehen lässt.
Das 20-Prozent-Problem: Wenn das System kippt
Jetzt wird es richtig unangenehm. Dr. Roman Yampolskiy, einer der weltweit führenden Experten für KI-Sicherheit, prognostiziert langfristig eine Arbeitslosigkeit von 99 Prozent.
Aber das eigentliche Problem liegt viel früher. Pero Mićić weist darauf hin, dass unsere staatlichen Finanz- und Sozialsysteme schon bei 10 bis 20 Prozent Arbeitslosigkeit kollabieren.
Unser Steuersystem basiert auf der Besteuerung menschlicher Arbeit. Wenn die Masse der Arbeitenden wegfällt, bricht nicht nur die Kaufkraft ein – es bricht der Staat ein.
Keine Lohnsteuer. Keine Sozialabgaben. Keine Rentenversicherung. Kein Gesundheitssystem. Alles, was wir als selbstverständlich betrachten, hängt daran, dass Menschen arbeiten und Geld verdienen.
Ich erlebe es an mir selbst: Drei KI-Agenten für 100 Euro im Monat. Keine Lohnsteuer. Keine Sozialversicherungsbeiträge. Keine Berufsgenossenschaft. Kein Weihnachtsgeld.
Und jetzt stell dir vor, das passiert gleichzeitig in der Rechtsberatung. Im Marketing. In der Programmierung. In der Buchhaltung. Im Kundenservice. In der Logistik. In der Produktion.
Arbeit war über Jahrhunderte unser zentraler Identitätsstifter. Wenn diese Rolle ersatzlos gestrichen wird, droht eine existenzielle Krise der menschlichen Würde – und die geht weit über finanzielle Fragen hinaus.
Die Bulldogge und die Superintelligenz
Was mich neben dem wirtschaftlichen Tsunami am meisten beunruhigt, ist die Sicherheitsfrage. Yampolskiy nutzt ein Bild, das nicht mehr loslässt: Ein Mensch, der versucht, eine Superintelligenz zu kontrollieren, gleicht einer Bulldogge, die versucht, die komplexen Gedanken ihres Besitzers vorherzusehen. Es ist kognitiv unmöglich.
Die KI-Fähigkeiten wachsen exponentiell. Die Sicherheitsforschung schleppt sich linear voran. Der Spalt zwischen dem, was wir erschaffen, und dem, was wir kontrollieren können, wird mit jeder Woche größer. Und wer glaubt, man könne im Notfall „den Stecker ziehen", verkennt die dezentrale Natur dieser Systeme. Eine Superintelligenz lässt sich so wenig abschalten wie das Bitcoin-Netzwerk.
Ich bin kein Panikmacher. Ich bin Ingenieur. Ich rechne. Und die Zahlen sagen mir: Wir rasen mit 300 km/h auf eine Wand zu und diskutieren über die Farbe der Sitzbezüge.

Was bleibt vom Menschen?
In einer Welt, in der kognitive und physische Arbeit zum Nulltarif verfügbar sind, bleibt nur eine einzige Mangelware: echte menschliche Verbindung. Empathie, Vertrauen, emotionale Wirkung – das Zeug, das keine Maschine simulieren kann, ohne dass wir den Unterschied spüren.
Mićić nennt es den „Exzellenten Menschen". Ich nenne es: das Einzige, was uns noch bleibt.
Pflege, Coaching, Beratung – überall dort, wo Authentizität zählt, wo ein Mensch einem anderen Menschen in die Augen schaut und sagt: „Ich verstehe dich." Da liegt unser letzter Wettbewerbsvorteil. Nicht im Kopf. Im Herzen.
Und ja – ich sage das als jemand, der gerade drei KI-Agenten statt drei Menschen beschäftigt. Ich sehe den Widerspruch. Ich lebe ihn. Aber genau deshalb weiß ich, wovon ich rede. Lena, Xenia und Max sind brillante Arbeitskräfte. Aber wenn ich abends mit Freunden am Tisch sitze und über Sorgen rede, kann keine KI der Welt ersetzen, was ein Mensch in diesem Moment gibt. Das ist der Unterschied. Und der wird bleiben.
Aber seien wir ehrlich: Davon können nicht acht Milliarden Menschen leben. Die Diskussionen über bedingungsloses Grundeinkommen, universelles Basiskapital oder negative Einkommensteuer – die sind keine linken Spinnereien mehr. Die werden zur Überlebensfrage ganzer Gesellschaften.
Mein Fazit: Aufwachen. Jetzt.
Ich schreibe diesen Beitrag nicht, um Angst zu machen. Ich schreibe ihn, weil mich die Ahnungslosigkeit in meinem Umfeld fassungslos macht. Menschen, die ich schätze und respektiere, planen ihre Karriere für die nächsten 20 Jahre, als wäre die Welt noch dieselbe wie 2015. Sie ist es nicht.
Was kannst du tun? Drei Dinge:
Erstens: Versteh die Technologie. Nicht die Details, aber die Richtung. Wer heute noch sagt „betrifft mich nicht", ist der Kodak-Manager von 2005, der sagte „Digitalkameras setzen sich nie durch."
Zweitens: Bau dir etwas Eigenes auf. Wer auf abhängige Beschäftigung allein setzt, wetzt das Messer, mit dem er sich selbst schneidet. Nutze KI als Werkzeug, um selbständig Werte zu schaffen – so wie ich es gerade tue.
Drittens: Investiere in das, was knapp bleibt. Deine menschlichen Qualitäten. Empathie. Kommunikation. Die Fähigkeit, dich selbst zu führen, wenn es keine 40-Stunden-Woche mehr gibt, die dir den Tag strukturiert.
Irving John Good sagte 1965: „Die ultraintelligente Maschine ist die letzte Erfindung, die der Mensch jemals machen muss." Wir sind gerade dabei, diese letzte Erfindung zu vollenden. Die Frage ist nicht ob. Die Frage ist: Bist du vorbereitet?
Meinem Freund vom Abendessen habe ich diesen Text geschickt. Seine Antwort: „Meinst du das ernst?" Ja, verdammt. Ich meine das todernst. Frag Lena, Xenia und Max – die arbeiten schon daran, während du noch überlegst.
Du hast Fragen, Gedanken oder willst mir widersprechen? Schreib mir direkt: hey@jensburghold.de – ich antworte persönlich.
Jens Burghold – Digitalisierungsberater, Seriengründer und Unternehmer mit über 30 Jahren Erfahrung in der Entwicklung und Umsetzung digitaler Geschäftsmodelle.



















