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Orbán raus, Magyar rein: Kein Heiliger, kein Untergang

Péter Magyar hat gewonnen. 53,2 Prozent, 138 von 199 Mandaten, Zweidrittelmehrheit. Nach 16 Jahren ist Viktor Orbán Geschichte. Die einen jubeln, die anderen sehen schon die Panzer durch Budapest rollen. Ich mache bei beidem nicht mit. Ich kenne Ungarn seit Jahrzehnten, und ich will aufschreiben, was ich denke.


Orbán gegen Magyar

Was Orbán hinterlässt


Wer Ungarn erst seit zehn oder fünfzehn Jahren besucht, kann die Dimension dessen, was Orbán 2010 vorgefunden hat, kaum ermessen. Acht Jahre sozialistische Planloswirtschaft hatten das Land ausgeblutet, 2008 platzte die Fremdwährungskredit-Blase, Hunderttausende Ungarn verloren alles. Wer damals durchs Land fuhr, sah an jeder zweiten Hauswand das Schild „Eladó" – zu verkaufen.


Dass Orbán dieses Land wieder auf die Füße gestellt hat, muss man ihm zugestehen. Die Infrastruktur hat einen Sprung gemacht. Die Einkommensteuer liegt bei 15 Prozent – ein deutscher Facharbeiter würde vor Freude weinen. Der Strom kostet etwa 11 Cent pro Kilowattstunde, Dank an einen Atomstrom-Anteil von fast 50 Prozent. Die Mittelschicht hat wieder Boden unter den Füßen.


Schattenseiten gibt es auch. Das Gesundheitssystem liegt am Boden, Ärzte arbeiten weit über das Rentenalter hinaus. Und um Orbán hat sich in 16 Jahren ein Filz gebildet – Politik, Wirtschaft, Verwandtschaft, die Übergänge fließend. Wer so lange so fest im Sattel sitzt, verliert irgendwann das Gefühl für die Straße.


Was man in der Wirtschaft gern als „Bonus" abtut, nennt man in der Politik Korruption. Die Wahrheit liegt meistens dazwischen.

Dass Orbán sich Millionen in die eigene Tasche wirtschaftet, würde ich nicht behaupten. Dass er den Druck des Wettbewerbs verlernt hat, schon. Genau dafür ist er jetzt abgewählt worden. Der ungarische Wähler ist ein unbarmherziger Wähler. Anders als der Deutsche.


Péter Magyar – wer ist der Mann wirklich?


Magyar ist 43, Jurist, dreifacher Familienvater. Bis 2023 war er selbst Teil des Fidesz-Apparats – verheiratet mit Judit Varga, die unter Orbán Justizministerin war. Er kennt das System von innen. Er weiß, wo die Leichen liegen. Und er hat angefangen, sie zu zeigen, nachdem die Ehe 2023 zerbrochen war.


Seit die Wahl gelaufen ist, begegnen mir in Kommentaren, Videos und Telegram-Gruppen eine Reihe von Vorwürfen gegen ihn: Frauenschläger, Drogenkonsument, und – besonders widerlich – er habe einen Hundewelpen lebend in der Mikrowelle gekocht. Ich möchte das ein bisschen sortieren.


Was nachweislich Fake ist: Die Hund-in-der-Mikrowelle-Geschichte stammt aus einem angeblichen Buch der Ex-Frau. Dieses Buch existiert nicht. Eine aufwändige Fälschung, kurz vor der Wahl in Umlauf gebracht. Dirty Campaigning in Reinform.


Was dran ist: Magyar hat heimlich ein Privatgespräch mit seiner damaligen Frau aufgenommen und später veröffentlicht. Gegen ihn gab es polizeiliche Ermittlungen wegen Drogenverdachts, und seine Ex-Frau Varga wirft ihm häusliche Gewalt vor – unterlegt durch einen Polizeibericht aus dem Jahr 2020.


Was unklar ist: Ob die Vorwürfe in vollem Umfang zutreffen, ist nicht gerichtsfest geklärt. Varga ist politisch gegen Magyar positioniert, und die entlarvte Fälschung im Umfeld zeigt, wie bereitwillig gegen ihn erfunden wurde. Das heißt nicht, dass die anderen Anschuldigungen haltlos sind. Es heißt, dass ich mit abschließenden Urteilen vorsichtig bin.


Mein Fazit zur Person: Magyar ist kein Heiliger. Er ist ein Ex-Insider, der mit harten Bandagen kämpft und dem stellenweise das Gefühl für Grenzen fehlt. Ob so einer ein besserer Regierungschef wird als Orbán, wird die Zeit zeigen.


Was jetzt passieren wird


Meine Prognose: Magyar wird sich ein Stück verbiegen, um die eingefrorenen EU-Milliarden freizubekommen – über 16 Milliarden Euro aus Kohäsionsmitteln und Corona-Topf liegen auf Eis. Das heißt konkret: Das ungarische Veto gegen den 90-Milliarden-Euro-Kredit der EU an die Ukraine wird fallen.


Das ist für mich der schmerzhafteste Punkt. Ich hatte auf Orbán als letztes EU-Bollwerk gegen eine weitere Eskalation des Ukraine-Krieges gehofft. Diese Hoffnung ist weg. Jeder Tag, an dem dort weitergekämpft wird, ist ein Tag zu viel.


Aber: Kein ungarischer Machthaber wird die Grenzen für illegale Migration öffnen. Kein einziger. Die ungarische Volksseele ist nach tausend Jahren Überlebenskampf gegen Osmanen, Habsburger, Nazis und Sowjets gestählt. Magyar weiß: Wenn er an diesem Punkt wackelt, fliegt er bei der nächsten Wahl raus.


Das neue ungarische Parlament besteht aus drei Kräften, die nach deutschen Maßstäben alle als „rechts" einsortiert würden: Tisza als bürgerlich-konservative Mitte, Fidesz als starke Opposition, Mi Hazánk Mozgalom am rechten Rand.


Über 97 Prozent der ungarischen Wähler haben Parteien gewählt, die in Deutschland geschlossen als „rechts" gelten würden. Das sollte uns zu denken geben – nicht über Ungarn, sondern über den deutschen Diskurs.

Fazit


Ob Péter Magyar sich als willfährige Marionette der EU oder als souveräner Nachfolger Orbáns erweist, weiß heute niemand. Er wird enttäuschen müssen, egal wie er es anstellt – entweder die EU oder die eigenen Wähler. Ein Vorteil bleibt: In Ungarn wird gewählt wie auf dem Sportplatz. Wer nicht liefert, fliegt. Diesen Mechanismus hätte ich mir für Deutschland auch manchmal gewünscht.


Der Untergang des Abendlandes wird nicht in Budapest beginnen. Auch nicht unter Péter Magyar.

Jens Burghold

Danke fürs Vorbeischauen!

Ich habe eine Leidenschaft für digitale Ideen, Veränderung und neue Möglichkeiten. Ich schreibe in meinem Blog über persönliche Erfahrungen, Projekte und Niederlagen. Ich freue mich über konstruktiven Zweifel und zerstörte Denkschablonen.

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