Das System hat ein Problem. Und es heißt nicht Höcke.
- Jens Burghold

- vor 5 Tagen
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Aktualisiert: vor 4 Tagen
Wer mich kennt, weiß: Mit der Tagesschau habe ich es noch nie gehabt. Ich habe mir mein eigenes Bild gemacht, seit ich denken kann. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass zwischen deutschen Pressemitteilungen und der Realität meist Welten liegen. Über die Ergebnisse von 35 Jahren bundesdeutscher Politik mache ich mir keine Illusionen mehr.

Und trotzdem habe ich das Thema Björn Höcke jahrelang gemieden. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Reflex. Ich hatte ja längst ein Bild von ihm. Das Feindbild der Republik, der Lord Voldemort der deutschen Politik, derjenige, an dem sich jede Sympathie für die AfD zuverlässig totlief.
Genau dafür hat man ihn aufgebaut, und bei vielen hat es funktioniert: Höcke hat mögliche Sympathisanten von der AfD weggetrieben, lange bevor sie sich überhaupt mit den Inhalten der Partei beschäftigen wollten.
Wer dieses Bild geliefert hat? Über zehn Jahre lang Talkshow für Talkshow, Schlagzeile für Schlagzeile, Empörungswelle für Empörungswelle, mit dem Geld eines zehn Milliarden Euro schweren Rundfunksystems im Rücken. Wenn diese Konditionierung bei jemandem greift, der auf jede Form von „Du musst das jetzt aber so sehen" allergisch reagiert, dann hat das ein Niveau erreicht, das ich aus westlichen Demokratien so nicht erwartet hätte.
Letzte Woche hat Ben Berndt von „ungeskriptet" diesen Mann eingeladen. Viereinhalb Stunden lang, mit einem Stuhl, einem Mikrofon und ohne einen einzigen Schnitt. Keine Moderatorin, die nach 90 Sekunden dazwischenfunkt, kein eingeblendeter Faktencheck, kein Einordnungs-Soundtrack im Hintergrund. Ich habe mir das angesehen, von Anfang bis Ende. Damit war ich nicht allein.
Die Zahlen, an denen sich der ÖRR verschluckt
Drei Tage nach Veröffentlichung steht das Interview bei knapp 2,8 Millionen Aufrufen, 195.000 Likes, ca. 5.000 Dislikes, über 62.000 Kommentaren, überwiegend positiv, Tendenz weiter steigend.
Zum Vergleich: Das ARD-Sommerinterview mit dem amtierenden Bundeskanzler, sieben Monate nach Amtsantritt, kam auf 2.300 Kommentare, davon überwiegend negative, und 1.800 Likes bei rund 2.800 Dislikes.
Der amtierende Kanzler, gesendet im Herzen des öffentlich-rechtlichen Apparates, mit Millionenetat im Rücken und Sendeplatz zur Primetime.
Daneben ein Podcaster mit Webcam, Stuhl und Mikrofon im Studioraum eines Kölner Betonklotzes. Es ist, als würde der amtierende Champion in der ersten Runde von einem Hobbyboxer aufs Brett geschickt, und dann auch noch im eigenen Wohnzimmer. Mit Algorithmus-Pech hat das nichts zu tun, das ist schlicht eine Bankrotterklärung.
Was passiert, wenn das Tabu kippt
Die Reaktion der Republik kam innerhalb von Stunden, und sie war so vorhersehbar, dass man sie hätte aufschreiben können, bevor das Interview überhaupt online war.
Der Spiegel zog am Tag der Veröffentlichung die Linie durch: Höcke ist Rechtsextremist, durfte stundenlang ohne kritische Nachfragen reden. Dann folgte der Satz, der alles verrät: „Was über den Gastgeber bekannt ist." Plötzlich geht es nicht mehr um Höcke, sondern um Berndt, um den Mann, der das Mikrofon angemacht hat.
Die Berliner Zeitung sortiert das Gespräch unter „völkische Ideologie" ein, ohne dass irgendjemand in der Redaktion die viereinhalb Stunden komplett gesehen haben dürfte. Der Focus übernahm nervös den Titel „Habe mich getraut, Höcke einzuladen", als ginge es um einen Drogendeal in der Hinterhofgarage und nicht um ein Gespräch zwischen zwei Erwachsenen.
Innerhalb von 48 Stunden hat sich die deutsche Medienlandschaft auf den Mann gestürzt, der gewagt hat, das Mikrofon in eine Richtung zu halten, in die es seit zehn Jahren nicht zeigen sollte.
Mittendrin, fast überraschend, die Welt. Hinter der Bezahlschranke, aber ein lesenswertes Porträt von Berndt, kritisch und differenziert. Ein Mann, der bei der Bundestagswahl BSW gewählt hat, der lange FDP-affin war, und der seinen Job einfach so beschreibt: Stuhl hinstellen, Mikrofon anmachen, vier Stunden zuhören, kein Schnitt. Auf den Vorwurf, er normalisiere Rechtsextremismus, fragt Berndt zurück:
„Was ist Rechtsextremismus? Und selbst wenn jemand einer wäre, hieße das ja nicht, dass man ihn nicht wie einen Menschen behandeln darf."
Vor zehn Jahren wäre dieser Satz in jeder Talkshow als Banalität durchgewunken worden. Heute ist er eine Provokation, für die der Podcaster jetzt durch die Mangel gedreht wird.
Das System reagiert auf jeden, der die Quasi-Kontaktsperre aufbricht, mit dem ältesten Werkzeug der politischen Auseinandersetzung: nicht mit Argumenten, sondern mit Etiketten.
Wer mit ihm spricht, gilt schon als sein Komplize, wer ihn ausreden lässt, hat sich gemein gemacht, und wer überhaupt zuhört, steht unter Beobachtung. Genau dieser Mechanismus hat viele Menschen zehn Jahre lang davon abgehalten, hinzuhören. Bei den Millionen, die das Interview gerade ansehen, funktioniert er einfach nicht mehr.
Björn Höcke. Der Mann, den ich nicht erwartet hatte
Ich habe einen Mann gesehen, der Fragen beantwortet, anstatt sie zu umgehen, der seine Position vertritt, ohne sie den Wahlumfragen permanent anzupassen, der ruhig spricht, sachlich argumentiert und sich differenziert ausdrückt. Er gibt zu, wo er aneckt, und erklärt, warum er es trotzdem tut. Wenn Berndt eine Frage stellt, bekommt er eine Antwort. Manchmal eine, die zehn Minuten dauert, aber eine, in der ein roter Faden zu erkennen ist.
Das war exakt das Gegenteil dessen, was ich erwartet hatte, und genau das ist das eigentlich Verstörende, weniger für mich als für ein System, das mir zehn Jahre lang etwas anderes verkauft hat.
Wer dem Interview viereinhalb Stunden seine Aufmerksamkeit schenkt, kommt als ein anderer Mensch heraus, als er hineingegangen ist. Nicht weil dieser Mensch sich verstellt hätte, sondern weil das, was uns über zehn Jahre verkauft wurde, eine Karikatur war. Und Karikaturen halten der Begegnung mit dem Original selten stand.
Die Gegenprobe: Merz bei Miosga
Friedrich Merz, gestern Abend bei Caren Miosga: Sie verzichtete auf harte Fragen und inszenierte eine Art Gesprächstherapie-Sitzung für einen müden, gebrochenen und verkrampften Herrn, ohne Klarheit, ohne Visionen.
Ich würde in dieser Situation wahrscheinlich auch verkrampfen. Ich würde mich aber auch nicht um diesen Job bewerben. Man muss schon wissen, was man kann und was nicht. Und nicht auftreten wie der Bürgermeister eines Dorfes im Sauerland.
Wir erleben einen Kanzler, der sich und allen anderen einreden will, alles sei in bester Ordnung, obwohl die Fakten etwas ganz anderes erzählen. Das ist Selbstbetrug in Reinform.
Er wirkte wie ein Gefangener der eigenen Koalition, ein Sklave der SPD, der noch versucht, Haltung zu bewahren. Er darf die CDU nicht „umbringen", er darf der SPD nicht zu sehr nachgeben, und irgendwo dazwischen will er auch noch Deutschland regieren.
Meine Theorie: Da sägt im Hintergrund jemand an seinem Stuhl und bereitet seinen Sturz vor.
Was übrig bleibt
In 35 Jahren Unternehmertum habe ich genug Schaden gesehen, der von der Politik produziert wurde. An Steuerzahlern, an Mittelständlern, an Unternehmern, die mit ihrer Arbeit einen Standort am Laufen halten, den die Politik gleichzeitig ruiniert. Eine Regierung, die in sieben Monaten weniger Zustimmung erntet als ein Podcast in drei Tagen, hat ein Problem, das mit teurer Öffentlichkeitsarbeit nicht mehr zu reparieren ist.
Wenn ich mich heute frage, welche politische Kraft die Probleme dieses Landes klar beim Namen nennt und Lösungen anbietet, die nicht aus weiteren Schulden, weiteren Verboten und weiteren Belehrungen bestehen, finde ich genau eine Antwort. Und es ist nicht die, die mir die Tagesschau jeden Abend nahelegt.
Wer den Bürger permanent medial erziehen will, wird am Ende vom Bürger weggeklickt. Genau das passiert gerade in Deutschland, langsam zwar, aber stetig. Die Reichweite des öffentlich-rechtlichen Apparates erodiert, das Vertrauen in die Mainstream-Medien ist im Keller, und in jeder Talkshow-Runde, in der ein Politiker nach 90 Sekunden vom Moderator unterbrochen wird, wandern weitere Zuschauer zu YouTube und Substack ab.
Wenn ich heute wissen will, was ein Politiker denkt, höre ich ihn mir selber an, in voller Länge und ohne Schnitt, und nicht in der Häppchen-Version eines Moderators, der zwischendurch schon nervös auf die nächste Werbepause schielt.
Vor zehn Jahren hätte ich diesen Satz nicht aufschreiben müssen. Damals hieß so etwas Mündigkeit. Das gesamte Video von (ungeskriptet) by Ben findet ihr hier.


















